Definition:
Abgrenzung bezeichnet die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse, Werte und persönliche Grenzen wahrzunehmen und gegenüber anderen angemessen zu vertreten. Sie ermöglicht es, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, ohne sich gleichzeitig für sämtliche Erwartungen, Bedürfnisse oder Reaktionen anderer verantwortlich zu fühlen.
Erklärung:
Sich abzugrenzen fällt vielen Menschen schwer. Der Wunsch nach Anerkennung, Harmonie oder Verlässlichkeit kann dazu führen, dass eigene Bedürfnisse immer wieder zurückgestellt werden. Besonders Menschen mit einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl übernehmen häufig zusätzliche Aufgaben, sagen trotz eigener Belastung zu oder beschäftigen sich lange mit den Erwartungen anderer.
Gesunde Abgrenzung bedeutet nicht, Beziehungen auf Distanz zu halten oder ausschließlich die eigenen Interessen zu verfolgen. Sie setzt vielmehr voraus, wahrzunehmen, wo die eigene Verantwortung beginnt und wo sie endet.
Dabei spielen persönliche Erfahrungen und erlernte Beziehungsmuster eine wichtige Rolle. Wer beispielsweise gelernt hat, Konflikte möglichst zu vermeiden oder Anerkennung stark über Hilfsbereitschaft und Leistung zu erhalten, kann ein Nein als unangenehm oder sogar bedrohlich erleben.
Abgrenzung ist deshalb häufig weniger eine Frage der richtigen Formulierung als der inneren Erlaubnis, eigene Grenzen ernst zu nehmen.
Typische Merkmale gelungener Abgrenzung:
• Eigene Bedürfnisse und Belastungsgrenzen wahrnehmen
• Nein sagen können, ohne sich dauerhaft schuldig zu fühlen
• Verantwortung von Überverantwortung unterscheiden
• Erwartungen anderer hinterfragen
• Konflikte und unterschiedliche Bedürfnisse aushalten können
• Eigene Entscheidungen vertreten
• Erholungszeiten und persönliche Freiräume schützen
Fehlende Abgrenzung kann langfristig zu Überforderung, Frustration und Erschöpfung beitragen. Gleichzeitig können sehr starre Grenzen Beziehungen und Zusammenarbeit erschweren. Hilfreich ist deshalb eine flexible Abgrenzung, die sowohl die eigenen Bedürfnisse als auch die jeweilige Situation berücksichtigt.
Beispiel aus der Praxis:
Eine Mitarbeiterin übernimmt regelmäßig zusätzliche Aufgaben, obwohl ihre eigene Arbeitsbelastung bereits hoch ist. Wenn Kolleginnen oder Kollegen um Unterstützung bitten, sagt sie automatisch zu und ärgert sich anschließend über sich selbst. In der Beratung erkennt sie, dass hinter diesem Verhalten die Sorge steht, als unkollegial wahrgenommen zu werden. Sie beginnt, ihre eigenen Grenzen früher wahrzunehmen und Bitten zunächst zu prüfen, bevor sie zusagt.
Reflexionsimpulse:
• In welchen Situationen fällt es mir besonders schwer, Nein zu sagen?
• Was befürchte ich, wenn ich eine Grenze setze?
• Für welche Dinge fühle ich mich verantwortlich, obwohl sie möglicherweise nicht meine Verantwortung sind?
• Woran merke ich körperlich oder emotional, dass meine Grenze erreicht ist?
• Welche meiner Beziehungen würden möglicherweise sogar von klareren Grenzen profitieren?
Verwandte Begriffe:
→ Grenzen setzen
→ Selbstfürsorge
→ Überforderung
→ Selbstwert
→ Stress
→ Konfliktfähigkeit
→ Work Life Balance