Introversion
Definition:
Introversion beschreibt ein Persönlichkeitsmerkmal, bei dem Menschen ihre Aufmerksamkeit stärker auf die eigene innere Welt richten und häufig weniger äußere Stimulation benötigen. Introvertierte Menschen bevorzugen oft ruhigere Umgebungen, kleinere Gruppen oder Gespräche mit mehr Tiefe und benötigen nach intensiven sozialen Situationen häufiger Zeit für sich.
Introversion bedeutet dabei nicht automatisch Schüchternheit oder Unsicherheit.
Erklärung:
Manche Menschen verbringen gerne viel Zeit mit anderen und fühlen sich durch Austausch und Aktivität belebt. Andere genießen soziale Kontakte ebenfalls, merken aber irgendwann, dass ihre Energie nachlässt und sie Zeit für sich benötigen.
Introversion wird häufig genau an dieser Stelle spürbar.
Ein Abend mit vielen Menschen kann durchaus schön gewesen sein und trotzdem das Bedürfnis auslösen, anschließend allein zu sein. Ein Tag voller Gespräche und Eindrücke kann mehr Kraft kosten als mehrere Stunden konzentrierter Arbeit in einer ruhigen Umgebung.
Dabei ist Introversion keine Frage mangelnder sozialer Kompetenz. Introvertierte Menschen können gerne präsentieren, Gespräche führen, Verantwortung übernehmen oder auf andere zugehen. Entscheidend ist eher, wie viel äußere Stimulation angenehm ist und wie anschließend neue Energie entsteht.
Problematisch kann es werden, wenn die eigenen Bedürfnisse ständig an einem Ideal gemessen werden, das stärker extrovertiertes Verhalten belohnt. Wer glaubt, häufiger sprechen, kontaktfreudiger auftreten oder ständig präsent sein zu müssen, kann beginnen, das eigene Temperament als Defizit zu betrachten.
Ein hilfreicherer Blick kann darin bestehen, die eigene Art der Energie und Reizregulation besser kennenzulernen und den Alltag entsprechend zu gestalten.
Wie es sich zeigen kann:
Vielleicht gehen Sie gerne zu einer Feier, sind aber nach einigen Stunden froh, wieder nach Hause zu kommen. Oder Sie mögen Menschen und gute Gespräche, bevorzugen dabei jedoch kleinere Runden gegenüber großen Gruppen.
Nach einem Tag mit vielen Terminen möchten Sie möglicherweise zunächst Ihre Ruhe haben. Nicht weil etwas Schlimmes passiert ist, sondern weil viele Eindrücke verarbeitet werden wollen.
Vielleicht überlegen Sie in Gesprächen auch etwas länger, bevor Sie etwas sagen, und ärgern sich anschließend darüber, dass anderen die passende Antwort scheinbar schneller einfällt.
Gerade der Vergleich mit extrovertierteren Menschen kann dann leicht den Eindruck erzeugen, anders sein zu müssen.
Die interessantere Frage könnte sein, unter welchen Bedingungen Ihre eigene Art besonders gut zur Geltung kommt.
Typische Merkmale:
• Bedürfnis nach regelmäßigen Rückzugsmöglichkeiten
• Vorliebe für kleinere Gruppen oder Einzelgespräche
• Intensive Beschäftigung mit eigenen Gedanken
• Bedürfnis nach Ruhe nach vielen sozialen Kontakten
• Häufig gründliches Nachdenken vor Entscheidungen
• Sensibilität gegenüber einer Vielzahl gleichzeitig eintreffender Eindrücke
• Vorliebe für Gespräche mit persönlicher oder inhaltlicher Tiefe
• Gute Fähigkeit zur selbstständigen Beschäftigung
Introversion und Extraversion sind dabei keine starren Kategorien. Menschen lassen sich nicht eindeutig in zwei Gruppen einteilen. Vielmehr handelt es sich um Persönlichkeitsdimensionen, auf denen unterschiedliche Ausprägungen möglich sind.
Beispiel aus dem Alltag:
Eine Frau arbeitet in einem Umfeld, in dem viel Wert auf Austausch, Networking und spontane Kommunikation gelegt wird. Sie kann damit grundsätzlich gut umgehen, merkt jedoch, dass Tage mit vielen Gesprächen sie deutlich mehr Kraft kosten.
Lange interpretiert sie ihr Bedürfnis nach Rückzug als persönliche Schwäche und versucht, noch kontaktfreudiger zu werden.
Mit der Zeit beginnt sie, ihre Energie anders zu betrachten. Sie plant nach intensiven sozialen Situationen bewusst ruhigere Phasen ein und erkennt, dass sie besonders gut arbeitet, wenn sie ausreichend Zeit zum Nachdenken und für konzentriertes Arbeiten hat.
Sie versucht damit weniger, ihre Persönlichkeit zu verändern, sondern beginnt, besser mit ihr umzugehen.
Reflexionsimpulse:
• Welche Situationen geben mir Energie und welche kosten mich besonders viel?
• Wie viel Zeit für mich selbst brauche ich, um mich wohlzufühlen?
• Vergleiche ich meine Art häufig mit kontaktfreudigeren Menschen?
• Wo versuche ich, extrovertierter zu wirken, als ich mich eigentlich fühle?
• Unter welchen Bedingungen kann ich meine Stärken besonders gut einsetzen?
• Welche Form von sozialen Kontakten empfinde ich als bereichernd?
• Wo könnte ich meinem eigenen Bedürfnis nach Ruhe mehr Raum geben?
Verwandte Begriffe:
→ Extraversion
→ Persönlichkeit
→ Selbstwahrnehmung
→ Selbstakzeptanz
→ Erholung
→ Reizüberflutung
→ Mentale Gesundheit
