Hochsensibilität
Definition:
Hochsensibilität beschreibt eine ausgeprägte Sensibilität gegenüber inneren und äußeren Reizen. Menschen, die sich als hochsensibel erleben, berichten beispielsweise, dass sie Geräusche, Stimmungen, zwischenmenschliche Spannungen oder eine Vielzahl gleichzeitig eintreffender Eindrücke besonders intensiv wahrnehmen und länger verarbeiten.
In der Forschung wird in diesem Zusammenhang häufig der Begriff Sensory Processing Sensitivity verwendet. Das Konzept geht wesentlich auf die Arbeiten der Psychologin Elaine Aron und des Psychologen Arthur Aron zurück.
Erklärung:
Manche Menschen nehmen ihre Umgebung sehr fein wahr. Sie bemerken kleine Veränderungen in der Stimmung eines Gesprächs, reagieren empfindlicher auf Lärm oder Unruhe und beschäftigen sich möglicherweise länger mit Erlebnissen und Begegnungen.
Diese Sensibilität kann viele positive Seiten haben. Eine differenzierte Wahrnehmung, Einfühlungsvermögen, Kreativität oder ein gutes Gespür für andere Menschen können damit verbunden sein.
Gleichzeitig kann eine intensive Verarbeitung von Eindrücken dazu führen, dass Situationen schneller als anstrengend erlebt werden. Ein voller Tag mit vielen Gesprächen, Geräuschen, Terminen und wechselnden Anforderungen hinterlässt dann möglicherweise ein stärkeres Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug.
Hochsensibilität bedeutet dabei nicht automatisch, grundsätzlich weniger belastbar zu sein. Entscheidend ist häufig auch, wie gut die eigene Umgebung, die täglichen Anforderungen und die persönlichen Möglichkeiten zur Regeneration zusammenpassen.
Wer die eigene Sensibilität lange hauptsächlich als Schwäche betrachtet hat, versucht möglicherweise, sich an eine Belastbarkeit anzupassen, die den eigenen Bedürfnissen wenig entspricht. Ein hilfreicherer Umgang kann darin bestehen, die eigene Wahrnehmung besser kennenzulernen und herauszufinden, welche Bedingungen Energie geben und welche besonders viel davon beanspruchen.
Wie es sich zeigen kann:
Vielleicht nehmen Sie sehr schnell wahr, wenn sich die Stimmung in einem Raum verändert. Ein beiläufiger Kommentar beschäftigt Sie länger als andere Menschen oder Sie benötigen nach intensiven Gesprächen zunächst etwas Zeit für sich.
Auch viele gleichzeitig eintreffende Reize können anstrengend sein. Ein voller Raum, mehrere Gespräche, Hintergrundgeräusche und ständige Unterbrechungen führen möglicherweise dazu, dass Sie sich irgendwann kaum noch konzentrieren können.
Manchmal entsteht daraus die Frage, weshalb andere scheinbar problemlos mit Situationen umgehen, die für Sie selbst viel Energie kosten.
Interessanter als dieser Vergleich kann die Beobachtung sein, unter welchen Bedingungen Sie sich besonders wohl und leistungsfähig fühlen und wann Ihre persönlichen Ressourcen schneller aufgebraucht sind.
Typische Merkmale:
• Intensive Wahrnehmung von Stimmungen und zwischenmenschlichen Nuancen
• Hohe Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen oder anderen Sinnesreizen
• Gründliche Verarbeitung von Erlebnissen und Eindrücken
• Starkes Bedürfnis nach Ruhe nach reizintensiven Situationen
• Ausgeprägtes Einfühlungsvermögen
• Intensive emotionale Reaktionen
• Schnelleres Gefühl von Reizüberflutung
• Längeres Nachdenken über Gespräche und Erlebnisse
• Wahrnehmung feiner Veränderungen in der Umgebung
Nicht jeder Mensch, der einzelne dieser Eigenschaften bei sich beobachtet, wird sich als hochsensibel erleben. Sensibilität lässt sich vielmehr als individuelles Merkmal betrachten, das bei Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann.
Beispiel aus dem Alltag:
Eine Frau verbringt einen Tag mit vielen Terminen und Gesprächen. Obwohl die Begegnungen überwiegend angenehm waren, fühlt sie sich am Abend ungewöhnlich erschöpft und möchte zunächst niemanden mehr sehen.
Lange hat sie sich dafür kritisiert und sich gefragt, weshalb andere nach solchen Tagen scheinbar noch genügend Energie für weitere Aktivitäten haben.
Mit der Zeit beginnt sie, genauer zu beobachten, welche Situationen besonders viele Eindrücke mit sich bringen und welche Form der Erholung ihr anschließend guttut. Dadurch verändert sich weniger ihre Sensibilität als ihr Umgang damit.
Reflexionsimpulse:
• Welche Reize nehme ich besonders intensiv wahr?
• Welche Situationen kosten mich ungewöhnlich viel Energie?
• Wann brauche ich Rückzug und Ruhe?
• Wo versuche ich, mich an die Belastbarkeit anderer anzupassen?
• Welche Seiten meiner Sensibilität empfinde ich als Stärke?
• Welche Bedingungen helfen mir dabei, mit vielen Eindrücken gut umzugehen?
• Wie könnte ich meinen Alltag gestalten, wenn ich meine Sensibilität weniger bewerten und stärker berücksichtigen würde?
Verwandte Begriffe:
→ Reizüberflutung
→ Empathie
→ Selbstwahrnehmung
→ Stress
→ Selbstfürsorge
→ Mentale Gesundheit
