Hohe Ansprüche an sich selbst


Definition:

Hohe Ansprüche an sich selbst beschreiben die Erwartung, Aufgaben besonders gut erfüllen, möglichst wenig Fehler machen oder bestimmten persönlichen Vorstellungen gerecht werden zu müssen. Ein hoher eigener Anspruch kann motivieren und persönliche Entwicklung fördern. Wird daraus jedoch ein dauerhafter innerer Druck, kann er Stress, Selbstzweifel und psychische Erschöpfung begünstigen.

Erklärung:

Ansprüche an die eigene Person sind zunächst etwas Natürliches. Sie geben Orientierung, können dazu motivieren, sich weiterzuentwickeln, und spiegeln häufig persönliche Werte wie Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein oder Qualität wider.

Manchmal werden aus Ansprüchen jedoch innere Regeln.

Dann reicht es nicht mehr, etwas gut zu machen. Es muss möglichst perfekt sein. Ein Fehler wird lange analysiert, eine Aufgabe ist erst abgeschlossen, wenn wirklich jedes Detail stimmt, und eine gute Leistung fühlt sich weniger wie ein Erfolg als wie etwas Selbstverständliches an.

Häufig fällt dabei auf, dass Menschen mit hohen Ansprüchen an sich selbst gegenüber anderen wesentlich großzügiger sind. Ein Fehler bei einem Freund wird als menschlich betrachtet. Der gleiche Fehler bei sich selbst führt dagegen zu Selbstkritik.

Solche Ansprüche können über viele Jahre entstehen. Erfahrungen mit Leistung und Anerkennung, Erwartungen aus dem sozialen Umfeld oder persönliche Vorstellungen davon, wie man sein sollte, können dabei eine Rolle spielen.

Belastend wird es vor allem dann, wenn der eigene Wert zunehmend davon abhängt, diesen Erwartungen gerecht zu werden. Erholung kann sich dann schnell wie Unproduktivität anfühlen und ein Nein wie persönliches Versagen.

Wie es sich zeigen kann:

Vielleicht erledigen Sie eine Aufgabe gut und denken trotzdem zuerst darüber nach, was noch besser hätte laufen können.

Lob nehmen Sie zur Kenntnis, Kritik beschäftigt Sie dagegen lange.

Sie erwarten von sich, zuverlässig, belastbar und für andere da zu sein. Wenn Sie müde sind, eine Pause brauchen oder etwas nicht schaffen, entsteht schnell das Gefühl, sich mehr anstrengen zu müssen.

Von außen werden solche Menschen häufig als besonders gewissenhaft oder leistungsfähig wahrgenommen. Der Druck, der damit verbunden sein kann, bleibt dagegen unsichtbar.

Interessant wird deshalb manchmal die Frage, ob der eigene Anspruch noch Orientierung gibt oder ob man längst versucht, einem inneren Maßstab zu entsprechen, der kaum dauerhaft erreichbar ist.

Typische Anzeichen:

• Starke Selbstkritik

• Schwierigkeiten, mit eigenen Fehlern umzugehen

• Gefühl, nie genug geleistet zu haben

• Häufiges Vergleichen mit anderen

• Schwierigkeiten, Erfolge anzuerkennen

• Hoher Leistungs und Verantwortungsanspruch

• Probleme, Aufgaben abzugeben

• Schuldgefühle beim Ausruhen

• Schwierigkeiten, Nein zu sagen

• Sorge, Erwartungen anderer nicht zu erfüllen

Hohe Ansprüche müssen nicht grundsätzlich reduziert werden. Manchmal geht es vielmehr darum, genauer zu unterscheiden, welche Ansprüche den eigenen Werten entsprechen und welche hauptsächlich Druck erzeugen.

Beispiel aus dem Alltag:

Eine Frau gilt in ihrem Umfeld als zuverlässig und organisiert. Sie übernimmt viel Verantwortung und möchte Dinge möglichst sorgfältig erledigen.

Wenn ihr ein Fehler passiert, beschäftigt sie sich jedoch noch lange damit. Gleichzeitig nimmt sie eigene Erfolge kaum wahr. Was gut läuft, betrachtet sie als selbstverständlich.

Mit der Zeit merkt sie, dass ihr hoher Anspruch zunehmend Kraft kostet. Sie beginnt zu hinterfragen, weshalb für sie selbst andere Maßstäbe gelten als für die Menschen um sie herum.

Dabei entsteht eine neue Frage: Wie würde „gut genug“ aussehen, wenn nicht jede Aufgabe beweisen müsste, dass sie kompetent und zuverlässig ist?

Reflexionsimpulse:

• Welche Erwartungen stelle ich an mich selbst?

• Würde ich dieselben Maßstäbe auch an einen anderen Menschen anlegen?

• Was bedeutet ein Fehler für mich persönlich?

• Kann ich eine gute Leistung als Erfolg wahrnehmen oder sehe ich zuerst, was noch besser sein könnte?

• Wann fühlt sich eine Aufgabe für mich wirklich gut genug an?

• Welche meiner Ansprüche entsprechen meinen eigenen Werten und welche habe ich möglicherweise übernommen?

• Was würde sich verändern, wenn ich mir in einem Bereich etwas weniger abverlangen würde?

Verwandte Begriffe:

→ Perfektionismus

Fehlerangst

→ Leistungsdruck

→ Selbstwert

→ Selbstkritik

Grenzen setzen

Erschöpfung

→ Stress

→ Selbstfürsorge

→ Mentale Gesundheit