
Gefühle wahrnehmen
Definition:
Gefühle wahrzunehmen bedeutet, die eigenen emotionalen Reaktionen bewusst zu bemerken, sie einzuordnen und möglichst benennen zu können. Diese Fähigkeit ist ein wichtiger Bestandteil der Selbstwahrnehmung und kann dabei helfen, eigene Bedürfnisse, Belastungen und persönliche Grenzen besser zu verstehen.
Erklärung:
Gefühle begleiten uns ständig, auch wenn wir sie nicht immer bewusst wahrnehmen. Freude, Ärger, Angst, Traurigkeit, Enttäuschung oder Unsicherheit entstehen als Reaktion auf das, was wir erleben und wie wir eine Situation bewerten.
Im Alltag bleibt dafür manchmal wenig Aufmerksamkeit. Wir erledigen, was notwendig ist, reagieren auf Anforderungen und funktionieren. Unangenehme Gefühle werden dabei leicht zur Seite geschoben, besonders wenn gerade keine Zeit oder kein Raum für sie vorhanden scheint.
Gefühle verschwinden dadurch jedoch nicht unbedingt. Manchmal zeigen sie sich auf andere Weise. Wir reagieren gereizter als gewöhnlich, fühlen uns innerlich angespannt, ziehen uns zurück oder bemerken nur ein diffuses Gefühl, dass etwas nicht stimmt.
Manchen Menschen fällt es leicht, ihre Gefühle zu benennen. Andere wissen sehr genau, was sie denken, können aber nur schwer beschreiben, was sie eigentlich fühlen. Häufig werden dann eher Zustände wie „gestresst“, „genervt“ oder „irgendwie schlecht“ beschrieben.
Die genauere Wahrnehmung kann bereits etwas verändern. Hinter Gereiztheit kann beispielsweise Überforderung liegen, hinter Ärger eine verletzte Grenze und hinter Unruhe eine Sorge, die bisher kaum Beachtung gefunden hat.
Gefühle wahrzunehmen bedeutet dabei nicht, ihnen immer folgen zu müssen. Ein Gefühl ist zunächst eine Information über das eigene Erleben. Wie wir anschließend damit umgehen, bleibt eine weitere Entscheidung.
Wie es sich zeigen kann:
Vielleicht kennen Sie Situationen, in denen Sie erst im Nachhinein merken, wie sehr Sie etwas beschäftigt hat.
Während eines Gesprächs bleiben Sie ruhig. Stunden später gehen Ihnen einzelne Sätze immer wieder durch den Kopf. Oder Sie bemerken eine zunehmende Gereiztheit, können zunächst aber gar nicht sagen, was eigentlich dahintersteckt.
Manchmal meldet sich auch zuerst der Körper. Der Nacken wird angespannt, der Magen fühlt sich unruhig an oder die Atmung verändert sich.
Solche Momente können eine Einladung sein, einen Augenblick innezuhalten und genauer hinzuschauen: Was fühle ich gerade eigentlich?
Was die Wahrnehmung erleichtern kann:
• Einen Moment innehalten, bevor eine Situation bewertet wird
• Gefühle möglichst konkret benennen
• Körperliche Reaktionen bewusst wahrnehmen
• Zwischen Gedanken und Gefühlen unterscheiden
• Beobachten, welche Situationen bestimmte Gefühle auslösen
• Eigene Bedürfnisse hinter einem Gefühl betrachten
• Gefühle zunächst zulassen, ohne sie sofort verändern zu wollen
Je differenzierter wir unser eigenes emotionales Erleben wahrnehmen, desto leichter kann es werden, angemessen darauf zu reagieren. Das kann sowohl die emotionale Selbstregulation als auch den Umgang mit Stress und zwischenmenschlichen Situationen unterstützen.
Beispiel aus dem Alltag:
Eine Frau bemerkt seit einigen Tagen, dass sie ungewöhnlich gereizt ist. Kleine Dinge bringen sie schneller aus der Ruhe als sonst.
Zunächst führt sie das auf einen vollen Alltag zurück. Als sie sich etwas Zeit nimmt, genauer hinzuschauen, erkennt sie neben der Erschöpfung auch Enttäuschung. In einer für sie wichtigen Beziehung fühlt sie sich seit einiger Zeit wenig wahrgenommen.
Mit dieser Erkenntnis verändert sich ihre Sicht auf ihre Gereiztheit. Das Gefühl muss nicht einfach verschwinden. Es weist auf etwas hin, das für sie Bedeutung hat und bisher wenig Aufmerksamkeit bekommen hat.
Reflexionsimpulse:
• Was fühle ich gerade, wenn ich einen Moment nicht darüber nachdenke, was ich fühlen sollte?
• Welche Gefühle kann ich leicht wahrnehmen und welche eher schwer?
• Woran merke ich körperlich, dass mich etwas emotional beschäftigt?
• Welche Gefühle versuche ich besonders schnell wieder loszuwerden?
• Was könnte ein wiederkehrendes Gefühl über meine Bedürfnisse oder Grenzen erzählen?
• Wie verändert sich mein Erleben, wenn ich ein Gefühl zunächst wahrnehme, ohne es sofort zu bewerten?
Verwandte Begriffe:
→ Empathie
→ Selbstwahrnehmung
→ Achtsamkeit
→ Selbstreflexion
→ Mentale Gesundheit