Riemann, Fritz
Fritz Riemann
Wer war Fritz Riemann?
Fritz Riemann (1902 bis 1979) war ein deutscher Psychologe und Psychoanalytiker. Er gehörte zu den Mitbegründern des Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie in München und arbeitete dort als Dozent und Lehranalytiker. Bekannt wurde er vor allem durch sein Buch „Grundformen der Angst“, das zu den Klassikern der deutschsprachigen psychologischen Literatur gehört.
Riemanns Ansatz ist bis heute interessant, weil er Angst nicht nur als etwas betrachtet, das möglichst verschwinden sollte. Er versteht sie auch als etwas, das mit grundlegenden menschlichen Entwicklungsaufgaben verbunden ist.
Die Grundidee von Fritz Riemann
Menschen bewegen sich nach Riemann in grundlegenden Spannungsfeldern. Wir möchten eigenständig sein und zugleich Beziehungen eingehen. Wir brauchen Beständigkeit und müssen gleichzeitig mit Veränderung leben.
Daraus ergeben sich vier Grundformen der Angst, die Riemann als allgemein menschlich versteht. Sie können bei jedem Menschen vorkommen, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. Sein Modell sollte deshalb nicht vorschnell als starre Einteilung von Menschen gelesen werden. Riemann entwickelte daraus zwar eine Charakterkunde mit vier Persönlichkeitsstrukturen, Ausgangspunkt sind jedoch zunächst grundlegende menschliche Ängste.
Die vier Grundformen der Angst
Angst vor der Selbsthingabe
Sich einem anderen Menschen zu öffnen bedeutet immer auch, ein Stück Kontrolle aufzugeben. Nähe und Bindung können deshalb die Sorge auslösen, die eigene Selbstständigkeit zu verlieren, abhängig zu werden oder sich selbst zu wenig Raum zu lassen.
Angst vor der Selbstwerdung
Eigenständig zu werden bedeutet, sich abzugrenzen und als eigene Person hervorzutreten. Damit kann die Sorge verbunden sein, Nähe und Zugehörigkeit zu verlieren oder allein zu bleiben.
Angst vor der Wandlung
Leben bedeutet Veränderung. Was heute sicher und vertraut ist, kann sich verändern oder verloren gehen. Die Angst vor der Wandlung richtet sich entsprechend auf Unsicherheit und Vergänglichkeit. Beständigkeit, Ordnung und Verlässlichkeit können dann besonders wichtig werden.
Angst vor der Notwendigkeit
Jede Entscheidung legt etwas fest und schließt andere Möglichkeiten zumindest zeitweise aus. Notwendigkeit kann deshalb als Begrenzung erlebt werden. Freiheit, Offenheit und Veränderung bekommen im Gegenzug eine besondere Bedeutung.
In vereinfachten Darstellungen werden diese Grundformen häufig mit Nähe und Distanz sowie Dauer und Wechsel beschrieben. Das kann zum Verständnis hilfreich sein, sollte aber nicht mit Riemanns ursprünglicher Begrifflichkeit verwechselt werden. Der Verlag selbst fasst die vier Pole anschaulich als Angst vor enger Bindung beziehungsweise Verlassenwerden und als Angst vor dem Ungewissen beziehungsweise Endgültigen zusammen.
Was Riemanns Gedanken heute interessant macht
Riemanns Modell lädt weniger zu der Frage ein, welcher „Typ“ man ist, als zur Beobachtung eigener wiederkehrender Muster.
Ein Mensch kann sich beispielsweise nach Nähe sehnen und gleichzeitig merken, dass er sich schnell eingeengt fühlt. Ein anderer hält lange an vertrauten Situationen fest, obwohl er sich eigentlich Veränderung wünscht. Wieder andere lieben neue Möglichkeiten, erleben verbindliche Entscheidungen aber schnell als Einschränkung.
Gerade diese Spannungen sind interessant. Denn häufig wünschen wir uns beide Seiten: Verbundenheit und Eigenständigkeit, Sicherheit und Entwicklung.
Riemanns Modell kann dabei eine Sprache anbieten, um solche inneren Bewegungen genauer zu betrachten. Sein Werk ist tiefenpsychologisch geprägt und sollte im heutigen Kontext entsprechend als psychologisches Denkmodell seiner Zeit verstanden werden, nicht als abschließende Beschreibung menschlicher Persönlichkeit. Die anhaltende Bedeutung des Buches zeigt sich auch daran, dass „Grundformen der Angst“ inzwischen in der 48. Auflage vorliegt.
Reflexionsimpulse
• Wo brauche ich besonders viel Eigenständigkeit und wo wünsche ich mir Nähe?
• Welche Form von Veränderung fällt mir schwer?
• Wie gehe ich damit um, wenn ich mich verbindlich entscheiden muss?
• Welche Seite eines Spannungsfeldes fällt mir leichter und welche vermeide ich eher?
• Wo könnte es hilfreich sein, der jeweils anderen Seite etwas mehr Raum zu geben?
Verwandte Begriffe
→ Grundformen der Angst
→ Riemann Thomann Modell
→ Angst
→ Persönlichkeit
→ Selbstreflexion
→ Grenzen setzen
→ Harmoniestreben
→ Persönliche Entwicklung
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