Kontrollverlust


Definition

 

Kontrollverlust beschreibt das Gefühl, eine Situation, das eigene Leben oder bestimmte Entwicklungen nicht mehr ausreichend beeinflussen zu können. Entscheidungen scheinen zunehmend von äußeren Umständen bestimmt zu werden und die eigenen Handlungsmöglichkeiten werden als kleiner erlebt.

Besonders in Zeiten hoher Belastung, großer Veränderungen oder anhaltender Unsicherheit kann dieses Gefühl entstehen.

Erklärung

Menschen brauchen ein gewisses Maß an Einfluss auf ihr eigenes Leben. Wir möchten Entscheidungen treffen, Entwicklungen mitgestalten und zumindest ungefähr einschätzen können, was als Nächstes passiert.

Doch nicht alles lässt sich kontrollieren.

Manchmal verändert sich innerhalb kurzer Zeit sehr viel. Im Beruf steigen die Anforderungen, eine Beziehung gerät ins Wanken, finanzielle Sorgen entstehen oder eine Entscheidung hängt plötzlich von anderen Menschen ab. Was bisher verlässlich erschien, wird unsicher.

Kontrollverlust kann aber auch schleichender entstehen. Der Kalender wird voller, Verpflichtungen nehmen zu und immer häufiger wird nur noch auf das reagiert, was gerade dringend ist. Irgendwann entsteht der Eindruck, dem eigenen Alltag hinterherzulaufen, statt ihn selbst zu gestalten.

Gerade unter Stress kann sich dieser Eindruck verstärken. Der Blick richtet sich zunehmend auf offene Probleme und mögliche Schwierigkeiten. Gleichzeitig werden die Bereiche, in denen weiterhin Einfluss besteht, weniger wahrgenommen.

Manchmal folgt darauf ein verstärktes Bedürfnis nach Kontrolle. Es wird mehr geplant, überprüft und abgesichert. Das kann kurzfristig beruhigen. Wenn jedoch versucht wird, auch Unvorhersehbares kontrollierbar zu machen, entsteht leicht zusätzlicher Druck.

Wie es sich zeigen kann

Kontrollverlust muss sich nicht dramatisch anfühlen. Manchmal beginnt er mit einem Satz wie:

„Ich komme nur noch hinterher.“

Der Tag wird von Terminen, Anforderungen und Erwartungen anderer bestimmt. Kaum ist eine Aufgabe erledigt, wartet bereits die nächste. Eigene Pläne werden immer wieder verschoben.

Vielleicht entsteht auch das Bedürfnis, möglichst viel im Voraus zu planen. Entscheidungen werden mehrfach überprüft und mögliche Szenarien gedanklich durchgespielt, weil Ungewissheit zunehmend schwer auszuhalten ist.

Andere Menschen reagieren eher mit Rückzug. Wenn ohnehin kaum etwas beeinflussbar erscheint, wird irgendwann weniger versucht, etwas zu verändern.

Beides kann aus demselben Erleben entstehen: dem Wunsch, wieder etwas mehr Sicherheit und Einfluss zu spüren.


Typische Anzeichen

• Gefühl, den eigenen Alltag kaum noch selbst zu gestalten

• Ständiges Reagieren auf Anforderungen

• Schwierigkeiten, Ungewissheit auszuhalten

• Starkes Bedürfnis nach Planung und Absicherung

• Häufiges gedankliches Durchspielen möglicher Entwicklungen

• Gefühl, äußeren Umständen ausgeliefert zu sein

• Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen

• Zunehmende innere Unruhe

• Eindruck, keinen richtigen Anfangspunkt für Veränderungen zu finden

• Rückzug, weil eigene Bemühungen als wenig wirksam erlebt werden

 

Beispiel aus dem Arbeitsalltag

Eine Selbstständige merkt, dass ihre Tage zunehmend von Kundenanfragen, kurzfristigen Terminen und organisatorischen Aufgaben bestimmt werden.

Morgens erstellt sie zwar eine Planung, doch bereits nach wenigen Stunden ist davon kaum noch etwas übrig. Sie reagiert auf das, was gerade dringend erscheint, arbeitet länger und versucht am Abend, liegengebliebene Aufgaben nachzuholen.

Mit der Zeit entsteht das Gefühl, ihr Unternehmen bestimme über ihren Alltag und nicht mehr umgekehrt.

Zunächst versucht sie, noch genauer zu planen. Doch jeder unerwartete Termin bringt die Planung erneut durcheinander.

Erst als sie ihre Situation anders betrachtet, fällt ihr auf, dass sie sehr viel Energie auf Dinge verwendet, die sich kaum vorhersehen lassen. Gleichzeitig gibt es Bereiche, die sie durchaus gestalten könnte: Erreichbarkeit, Terminvergabe, Prioritäten oder die Frage, welche Aufgaben tatsächlich sofort erledigt werden müssen.

Nicht alles wird dadurch kontrollierbar. Aber der eigene Handlungsspielraum wird wieder sichtbarer.

Was bei Kontrollverlust hilfreich sein kann

Manchmal entlastet bereits eine einfache Unterscheidung:

Was kann ich beeinflussen?

Was kann ich teilweise beeinflussen?

Was liegt außerhalb meines Einflusses?

Gerade unter hoher Belastung verschwimmen diese Bereiche leicht miteinander.

Die eigene Aufmerksamkeit wieder stärker auf beeinflussbare Dinge zu richten, bedeutet nicht, schwierige äußere Bedingungen zu ignorieren. Es kann jedoch verhindern, dass zu viel Kraft in Entwicklungen fließt, die sich durch noch mehr Nachdenken oder Kontrolle nicht verändern lassen.

 

Reflexionsimpulse

• In welchem Bereich meines Lebens fehlt mir momentan das Gefühl von Einfluss?

• Was versuche ich zu kontrollieren, obwohl es nur begrenzt in meiner Hand liegt?

• Wo habe ich mehr Gestaltungsmöglichkeiten, als ich momentan wahrnehme?

• Was würde mir helfen, wieder etwas mehr Einfluss auf meinen Alltag zu erleben?

• Welcher kleine Bereich könnte ein guter Anfang sein?

Verwandte Begriffe

→ Kontrollbedürfnis

→ Hilflosigkeit

→ Selbstwirksamkeit

→ Innere Unruhe

→ Stress

→ Überforderung

→ Grenzen setzen

→ Selbstreflexion

→ Resilienz

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