
Dysfunktionale Gedanken
Definition:
Dysfunktionale Gedanken sind Denkweisen und Bewertungen, die das eigene Erleben ungünstig beeinflussen und psychische Belastungen verstärken können. Häufig laufen sie automatisch ab und werden deshalb zunächst kaum hinterfragt. Typische Beispiele sind Gedanken wie „Ich darf keine Fehler machen“, „Ich muss es allen recht machen“ oder „Ich bin nicht gut genug“.
Erklärung:
Unsere Gedanken beeinflussen, wie wir Situationen wahrnehmen und emotional auf sie reagieren. Dabei entspricht das, was wir denken, nicht immer vollständig der Realität. Erfahrungen, Erwartungen und tief verankerte Überzeugungen können dazu führen, dass Situationen einseitig oder besonders negativ bewertet werden.
Dysfunktionale Gedanken treten häufig automatisch auf. Eine kritische Rückmeldung wird dann beispielsweise nicht als Hinweis auf eine einzelne Situation verstanden, sondern als Bestätigung dafür, grundsätzlich nicht gut genug zu sein. Aus einem Fehler entsteht gedanklich schnell ein persönliches Versagen.
Solche Denkmuster können sich über viele Jahre entwickeln und zunächst durchaus eine Funktion erfüllt haben. Ein hoher Anspruch an sich selbst kann beispielsweise Anerkennung und beruflichen Erfolg fördern. Wird daraus jedoch die innere Überzeugung, niemals Fehler machen zu dürfen, kann derselbe Anspruch zunehmend Druck erzeugen.
Besonders unter Stress werden vertraute Gedankenmuster häufig stärker. Wer ohnehin erschöpft oder angespannt ist, bewertet Situationen möglicherweise schneller negativ und verliert leichter den Blick für alternative Perspektiven.
In der psychologischen Beratung kann es deshalb hilfreich sein, solche Gedanken zunächst wahrzunehmen und ihre Wirkung zu betrachten. Dabei geht es nicht darum, unangenehme Gedanken einfach durch positive zu ersetzen. Interessanter ist häufig die Frage, ob die eigene Bewertung tatsächlich der Situation entspricht und welche anderen Sichtweisen ebenfalls möglich wären.
Typische dysfunktionale Gedanken:
• „Ich darf keine Fehler machen.“
• „Ich muss immer funktionieren.“
• „Ich muss es allen recht machen.“
• „Wenn ich Nein sage, enttäusche ich andere.“
• „Andere sind kompetenter als ich.“
• „Wenn etwas schiefgeht, habe ich versagt.“
• „Ich muss alles unter Kontrolle haben.“
• „Ich bin nur etwas wert, wenn ich etwas leiste.“
Solche Gedanken kennt vermutlich fast jeder Mensch. Problematisch werden sie vor allem dann, wenn sie sehr häufig auftreten, als unumstößliche Wahrheit erlebt werden und das eigene Verhalten oder Wohlbefinden zunehmend bestimmen.
Beispiel aus der Praxis:
Eine Führungskraft erhält nach einer Präsentation eine kritische Rückmeldung zu einem einzelnen Punkt. Obwohl der übrige Vortrag positiv bewertet wurde, beschäftigt sie sich den gesamten Abend mit der Kritik. Der Gedanke „Ich hätte das besser machen müssen“ entwickelt sich zunehmend zu „Ich bin dieser Position vielleicht doch nicht gewachsen“.
In der Beratung betrachtet sie, wie schnell aus einer konkreten Rückmeldung eine grundsätzliche Bewertung der eigenen Person geworden ist. Sie beginnt, zwischen dem tatsächlichen Ereignis und ihrer Interpretation davon zu unterscheiden und entwickelt einen realistischeren Blick auf die Situation.
Reflexionsimpulse:
• Welche Gedanken treten bei mir in belastenden Situationen besonders schnell auf?
• Welche Erwartungen formuliere ich innerlich mit Worten wie „muss“, „immer“ oder „darf nicht“?
• Welche Bedeutung gebe ich Fehlern oder Kritik?
• Würde ich mit einem anderen Menschen genauso streng sprechen wie mit mir selbst?
• Welche andere, ebenso plausible Sichtweise könnte es auf die Situation geben?
Verwandte Begriffe:
→ Gedankenkreisen
→ Grübeln
→ Perfektionismus
→ Selbstwert
→ Versagensangst
→ Stress
→ Selbstreflexion
→ Kognitive Verhaltenstherapie