Double Bind


Definition:

Ein Double Bind beschreibt eine wiederkehrende Kommunikationssituation, in der ein Mensch mit widersprüchlichen Erwartungen oder Botschaften konfrontiert wird, die sich kaum gleichzeitig erfüllen lassen.

Das Besondere daran ist die entstehende Zwickmühle: Wer der einen Botschaft folgt, verstößt gegen die andere. Gleichzeitig kann es schwierig sein, den Widerspruch offen anzusprechen oder sich der Situation zu entziehen. Das Konzept geht auf den Anthropologen und Kommunikationstheoretiker Gregory Bateson und sein Forschungsteam zurück. 

Erklärung:

Widersprüche gehören zu menschlicher Kommunikation. Wir sagen manchmal etwas anderes, als unsere Körpersprache vermittelt, ändern unsere Meinung oder wissen selbst nicht genau, was wir von unserem Gegenüber erwarten.

Ein Double Bind geht darüber hinaus.

Hier entsteht ein Muster, bei dem verschiedene Botschaften nicht zusammenpassen und der Empfänger kaum eine Möglichkeit findet, angemessen darauf zu reagieren.

Ein klassisches Beispiel wäre die Aufforderung, spontan zu sein. Wer nun versucht, dieser Aufforderung bewusst zu folgen, handelt streng genommen bereits nicht mehr spontan.

Im zwischenmenschlichen Alltag sind solche Situationen meist weniger offensichtlich.

Ein Mensch signalisiert beispielsweise, dass Offenheit erwünscht ist. Sobald das Gegenüber jedoch etwas Unangenehmes offen anspricht, reagiert er mit Ablehnung oder Rückzug.

Die ausgesprochene Botschaft lautet: „Sei offen zu mir.“

Die Erfahrung vermittelt gleichzeitig: „Wenn du wirklich offen bist, kann das negative Folgen haben.“

Mit der Zeit kann daraus eine schwierige innere Orientierung entstehen. Man versucht immer genauer einzuschätzen, welche Botschaft gerade gilt und welches Verhalten wohl die geringsten negativen Reaktionen auslösen wird.

Die psychologische Zwickmühle:

Besonders belastend kann ein Double Bind werden, wenn die Beziehung für die betroffene Person wichtig ist oder ein Abhängigkeitsverhältnis besteht.

Dann lässt sich die Situation nicht einfach mit einem Schulterzucken verlassen.

Das kann beispielsweise in einer Partnerschaft, innerhalb einer Familie oder im Arbeitsleben der Fall sein. Auch zwischen Führungskraft und Mitarbeiter können widersprüchliche Erwartungen entstehen, bei denen der Mitarbeiter nicht ohne Weiteres sagen kann: „Dann mache ich eben gar nichts davon.“

Mit der Zeit kann sich die Aufmerksamkeit stark auf das Gegenüber richten.

Was ist wirklich gemeint?

Was wird von mir erwartet?

Welche Reaktion ist dieses Mal richtig?

Dabei kann das Vertrauen in die eigene Einschätzung nachlassen. Man denkt Gespräche immer wieder durch, achtet stärker auf kleinste Signale und fragt sich möglicherweise zunehmend, ob man selbst etwas falsch verstanden hat.

Die Belastung entsteht damit nicht allein aus dem Widerspruch. Sie entsteht auch aus der Erfahrung, keine verlässliche Orientierung für das eigene Verhalten zu finden. Diese schwer auflösbare „No win“ Struktur gehört zum Kern des Double Bind Konzepts. 

Wie es sich zeigen kann:

Vielleicht kennen Sie das Gefühl, nach einem Gespräch verwirrter zu sein als vorher.

Eigentlich war die Aussage eindeutig. Die anschließende Reaktion passt jedoch überhaupt nicht dazu.

Beim nächsten Mal versuchen Sie, diese Erfahrung zu berücksichtigen und verhalten sich anders. Doch auch damit liegen Sie scheinbar falsch.

Nach mehreren solchen Situationen beginnt möglicherweise ein inneres Abwägen.

Soll ich sagen, was ich wirklich denke, oder lieber vorsichtig sein?

Soll ich selbst entscheiden oder vorher nachfragen?

Soll ich Nähe suchen oder lieber Abstand halten?

Es entsteht das Gefühl, zwischen zwei Möglichkeiten wählen zu müssen, obwohl keine davon wirklich richtig erscheint.

Typische Muster:

• Offenheit wird gewünscht, ehrliche Rückmeldungen werden jedoch negativ aufgenommen

• Selbstständigkeit wird erwartet, eigenständige Entscheidungen werden gleichzeitig kritisiert

• Nähe wird eingefordert und anschließend zurückgewiesen

• Eine Entscheidung wird offiziell freigestellt, eine bestimmte Entscheidung wird jedoch unausgesprochen erwartet

• Worte vermitteln Zustimmung, während Tonfall oder Verhalten Ablehnung ausdrücken

• Unterschiedliche Erwartungen können nicht gleichzeitig erfüllt werden

• Das Ansprechen des Widerspruchs führt zu neuer Verunsicherung

• Die betroffene Person beginnt zunehmend nach der richtigen Reaktion zu suchen

Nicht jede widersprüchliche Kommunikation ist ein Double Bind. Missverständnisse, wechselnde Bedürfnisse und unklare Aussagen gehören zum menschlichen Miteinander. Beim Double Bind steht vielmehr ein wiederkehrendes Muster im Mittelpunkt, aus dem sich für den Empfänger nur schwer eine stimmige Reaktion ableiten lässt. 

Beispiel aus dem Arbeitsalltag:

Ein Unternehmer sagt zu einer Mitarbeiterin:

„Ich möchte, dass Sie Entscheidungen selbst treffen. Sie kennen Ihren Bereich am besten.“

Die Mitarbeiterin nimmt diese Aussage ernst und entscheidet bei einem Kundenproblem eigenständig.

Später reagiert der Unternehmer verärgert. Bei einer solchen Angelegenheit hätte sie ihn selbstverständlich vorher einbeziehen müssen.

Beim nächsten vergleichbaren Fall fragt sie deshalb nach.

Nun bekommt sie zu hören, dass sie mehr Verantwortung übernehmen müsse und nicht jede Entscheidung absichern könne.

Nach einigen Wiederholungen verändert sich ihr Verhalten.

Sie beschäftigt sich zunehmend damit, vorherzusehen, welche Reaktion ihr Vorgesetzter erwartet. Entscheidungen dauern länger und selbst bei einfachen Situationen wird sie unsicher.

Das eigentliche Problem liegt inzwischen nicht mehr ausschließlich in der einzelnen Entscheidung. Die widersprüchlichen Erwartungen haben ihr die Orientierung darüber erschwert, welcher Handlungsspielraum tatsächlich besteht.

Umgang mit Double Bind Situationen:

Ein erster Schritt kann darin liegen, die eigene Verwirrung nicht sofort als persönliches Versagen zu interpretieren.

Stattdessen lässt sich die Kommunikation genauer betrachten.

Was wurde ausdrücklich gesagt?

Welche Erwartung wurde durch die anschließende Reaktion vermittelt?

Welche beiden Botschaften lassen sich möglicherweise gar nicht gleichzeitig erfüllen?

Wenn die Situation es zulässt, kann es hilfreich sein, diese Ebenen sichtbar zu machen. Im beruflichen Beispiel könnte konkret geklärt werden, welche Entscheidungen selbstständig getroffen werden dürfen und wann eine Rücksprache erwartet wird.

Damit wird aus einer schwer greifbaren Erwartung eine besprechbare Frage.

Nicht immer lässt sich ein Double Bind auflösen. Die widersprüchlichen Botschaften überhaupt als solche zu erkennen, kann jedoch helfen, die eigene Wahrnehmung wieder klarer einzuordnen.

Reflexionsimpulse:

• Gibt es Beziehungen, in denen ich häufig das Gefühl habe, es nicht richtig machen zu können?

• Welche Botschaften oder Erwartungen widersprechen sich dabei?

• Stimmen Worte und tatsächliche Reaktionen miteinander überein?

• Versuche ich häufig vorherzusehen, was mein Gegenüber wirklich von mir erwartet?

• Wie viel Energie kostet mich dieses ständige Abwägen?

• Kann ich den wahrgenommenen Widerspruch ansprechen?

• Was gehört tatsächlich zu meiner Verantwortung und was entsteht durch unklare Erwartungen meines Gegenübers?

• Wie würde ich die Situation beurteilen, wenn ich sie von außen beobachten würde?

Verwandte Begriffe:

→ Kommunikation

→ Inkongruenz

→ Grenzen setzen

Konflikte

→ Selbstwahrnehmung

Emotionale Belastung

→ Psychologische Sicherheit

→ Manipulation

→ Silent Treatment